Warten kann etwas Schönes sein!

Warten…

Immer wieder sind wir herausgefordert, zu warten. In Ewersbach warten wir manchmal ganz schön lange. An manchen Tagen braucht es Stunden, bis der Bus kommt. Regelmäßig stehen wir derzeit vor dem Metzger oder Bäcker und warten, bis wir den Laden betreten können. Wir warten sehnsüchtig auf ein Ende der Pandemie – und zu alledem warten wir nun auch noch auf Jesu Ankunft – im Advent.

Ist Warten denn etwas schlimmes?

Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Warten im Laufe der Jahre ziemlich verlernt. So ungern ich heute fünf Minuten vor der Tür zur geliebten Fleischwurst verbringe, denke ich aber doch hin und wieder gerne an frühere Zeiten zurück. Der aktuelle Wandel in eine digitale Welt hat eine unglaubliche Beschleunigung mit sich gebracht. Schon mit Mitte 30 zeichnet sich in meiner Biografie eine drastische Entwicklung ab.

Jetzt gerade sind 51 Geräte in meiner Wohnung mit dem World Wide Web verbunden. Die Leitung steht dauerhaft, ein Ausfall löst emotional eine regelrechte Krise aus. Vor 20 Jahren brauchte es mehrere Minuten, um überhaupt eine stabile Verbindung herzustellen – und wehe jemand nahm dann ohne Absprache den Telefonhörer ab… Das Internet war damals übrigens 0,0012 mal so schnell, wie heute (in Ewersbach).

Eine Bilddatei zeigte sich nach etwa fünf Minuten. Um ein einziges Lied herunterzuladen lief der Rechner mehrere Stunden. Gerne erinnere ich mich an die Freude und Wertschätzung für diese kleinen Dinge – eben weil sie viel Zeit in Anspruch genommen haben.

Um ein Video aus unserem aktuellen Adventskalender für Kinder anzuzeigen, hätte man den Computer damals übrigens 27 Tage durchgehend arbeiten lassen müssen – und tausende D-Mark für eine angemessene Festplatte ausgegeben…

Warten war mal etwas schönes!

Manchmal finde ich bei all dieser Nostalgie dann noch die Kiste mit meinen uralten Briefen. Als Teenager hatten wir viele Brieffreundschaften und warteten oft wochenlang auf Antworten. Niemand war böse, wenn es mal zwei Wochen länger dauerte. Niemand hakte nach. Während ich durch diese inhaltsschweren Zehnzeiler blättere, blinkt das Handy mindestens fünf Mal und Menschen wünschen per WhatsApp wieder einmal schnelle Kommunikation.

Die ständige Verfügbarkeit von Informationen ist ein großes Geschenk unserer Zeit. Ohne schnelle Reaktion und Kommunikation stünden wir heute vor anderen Herausforderungen, hätten wahrscheinlich auch mehr Trauerfälle im eigenen Umfeld bewältigen müssen. Gleichzeitig kommen mit Geschwindigkeit aber auch Erwartungen einher, die längst nicht alle erfüllt werden können.

Warten war und ist etwas Gutes! Warum? Weil wir uns innerlich mit dem schon beschäftigen, was einst kommt – und es zur rechten Zeit richtig genießen können. Vorfreude ist eine tolle Freude. Wenn ich mir jetzt ein Bild davon mache, was mich in einiger Zeit erwartet, dann ist das ein schöner Gedanke.

Auch im Advent warten wir!

Advent kommt vom lateinischen Wort Adventus, das heißt Ankunft. Wir warten auf das Fest, an welchem wir der Ankunft unseres Herrn in der Menschenwelt gedenken. Diese Zeit kann eine Zeit sein, in welcher wir uns bewusst mit der Menschwerdung Gottes beschäftigen. In der frühen Kirche fastete man sechs Wochen vor den Weihnachtstagen, um allen unnötigen Ballast loszuwerden. Jesus ist das Zentrum in dieser Zeit, daran ändert auch ein Virus nichts.

Im Advent warten wir aber nicht nur auf die Weihnachtstage. Advent ist nicht nur Rückblick und Erinnerung. Wir warten auch darauf, dass Jesus ein Versprechen einlöst. Im Advent denken wir daran, dass er eines Tages wiederkommen wird. Es lohnt sich, auf sein Versprechen zu hören und die Vorfreude auf das Kommende jetzt schon Stück für Stück zu spüren.

Jesus selbst hat uns in der Offenbarung viele Bilder vor Augen gemalt, wie wir uns das Leben nach seiner Wiederkunft vorstellen können. Er war aber nicht der erste, der über Gottes neue Welt sprach. Generationen vorher formulierte der Prophet Jesaja schon folgende Worte. Sie können uns eine Anleitung sein, dieses Jahr bewusst und genussvoll zu warten:

Wenn dann die Leute sich gegenseitig grüßen im Land, grüßen sie sich nur noch ›bei dem treuen Gott‹, und wenn sie schwören, schwören sie ›bei Gott, der Treue hält‹.« Der Herr sagt: »Alle Not wird vergessen sein, ich bereite ihr ein Ende. Alles mache ich jetzt neu: Einen neuen Himmel schaffe ich und eine neue Erde. Dann sehnt sich niemand nach dem zurück, was früher einmal gewesen ist; kein Mensch wird mehr daran denken. Freut euch und jubelt ohne Ende über das, was ich nun schaffe! Ich mache Jerusalem zur Stadt der Freude und seine Bewohner erfülle ich mit Glück. Ich selbst will an Jerusalem wieder Freude haben und über mein Volk glücklich sein. Niemand wird mehr weinen und klagen. Es gibt keine Kinder mehr, die nur ein paar Tage leben, und niemand, der erwachsen ist, wird mitten aus dem Leben gerissen. Wenn jemand mit hundert Jahren stirbt, wird man sagen: ›Er war noch so jung!‹ Selbst der Schwächste und Gebrechlichste wird ein so hohes Alter erreichen. Sie werden sich Häuser bauen und auch darin wohnen können. Sie werden Weinberge pflanzen und selbst den Ertrag genießen. Sie sollen nicht bauen und pflanzen und sich lebenslang mühen, nur damit andere den Gewinn davon haben. Alt wie Bäume sollen sie werden, die Menschen in meinem Volk, und den Lohn ihrer Arbeit selbst genießen! Sie werden sich nicht vergeblich abmühen. Die Frauen gebären ihre Kinder nicht länger für eine Zukunft voller Schrecken. Sie sind mein Volk, ich segne sie; darum werden sie mit ihren Kindern leben. Noch ehe sie zu mir um Hilfe rufen, habe ich ihnen schon geholfen. Bevor sie ihre Bitte ausgesprochen haben, habe ich sie schon erfüllt. Wolf und Lamm werden dann gemeinsam weiden, der Löwe frisst Häcksel wie das Rind, und die Schlange nährt sich vom Staub der Erde. Auf dem Zion, meinem heiligen Berg, wird keiner mehr Böses tun und Unheil stiften. Ich, der Herr, sage es.«
Jesaja 65,16ff

Simon Birr