Unbewältigte – bewältigte Vergangenheit

Eigentlich waren sie zu zwölft. Doch einer fehlte: Josef, der zweitjüngste Sohn des Patriarchen Jakobs. Schon lange gehörte nicht mehr dazu. Er lebte fernab in einem fremden Land, wohin seine Brüder ihn verkauft hatten – aus Eifersucht und Neid, weil er der Lieblingssohn seines Vaters war. Zunächst planten sie ihn sogar zu töten, das konnte einer der Brüder gerade noch verhindern.

Viele Jahre später trieb eine schreckliche Hungersnot in Kanaan die Brüder Josefs zu den gut gefüllten Kornkammern Ägyptens. Dort sollten sie Getreide kaufen, um überleben zu können. Eine zweite Reise wurde bald erforderlich, die für sie nach eigenartigen Verwicklungen zur Horrorszene wurde: der längst vergessene und totgeglaubte Bruder stand plötzlich als der zweitmächtigste Mann Ägyptens vor ihnen. Josef lebte also noch und plötzlich kam die alte Sache wieder hoch, ihre unbewältigte Vergangenheit holte sie wieder ein. Ihr Gewissen gab ihnen keine Ruhe mehr. Über die alte Sache war kein Gras gewachsen.

Nicht allein die Brüder Josefs sind je von der Vergangenheit eingeholt worden. Unzählige Menschen seufzen – oft unbemerkt – tagein tagaus unter der Last, die eine unbewältigte, unbereinigte, unvergebene Vergangenheit auf sie legt. Gewissensbisse, Alpträume, Schlaflosigkeit, ja Depressionen und sogar organische Krankheiten können die Folgen sein. Die unbewältigte Vergangenheit kann die Gegenwart und Zukunft eines Menschen zerstören.

In den letzten Tagen erzählte mir ein Christ eine unglaubliche Geschichte, die sich in einem Hospiz zugetragen hat, in dem er ehrenamtlich tätig ist. Ein sterbenskranker Mann hat aufgrund großer Konflikte keine Beziehung mehr zu seiner Tochter. Seit Jahren haben sich beiden nicht gesehen. Kein Kontakt, keine Begegnung, kein Gespräch. Nach langem Hin und Her hat sich die Tochter dazu durchgerungen, ihren vom Tode gezeichneten Vater im Hospiz zu besuchen. Als dieser davon erfährt, lehnt er eine Begegnung mit seiner Tochter strickt ab; er will sie nicht mehr sehen. Schade, sehr schade! Unbewältigte Vergangenheit.

Anders Josef. Er sehnte sich danach, mit seinen Brüdern klaren Tisch zu machen, auch wenn sie ihm so viel Unrecht angetan hatten. Gewiss, er stellt als der zweitmächtigste Mann in Ägypten Bedingungen und hielt sie ein wenig hin. Doch in diesem Familienkonflikt hat er wirklich geistliche Größe bewiesen und wurde so zum Hinweis auf Jesus Christus. Seinen Brüdern vergab er mit den Worten: „Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen.“ (1. Mose 50,19 u. 20a). Wunderbar! Bewältigte Vergangenheit.

Wir können uns glücklich preisen, wenn wir durch Jesus Christus nicht an unserer schuldhaften Vergangenheit zerbrechen müssen!

Heinz Gimbel