Stürmische Zeiten

Wir befinden uns aktuell in der Reisesaison. Trotz Corona packen doch viele ihre Koffer und ziehen los. Was gehört bei Ihnen unbedingt in den Koffer? Etwas, das sie schmerzlich vermissen würden, wenn sie es zuhause gelassen hätten?

Zwei Dinge, die schnell in meinen Koffer wandern, sind eine Nagelschere und eine Wärmflasche. Ich kann nur mit dieser einen!  Nagelschere meine Fingernägel ordentlich schneiden und eine Wärmflasche ist generell hilfreich bei allen Formen des Unwohlseins. Es gibt aber ein Utensil, das noch vor allem anderen eingepackt wird und das ist mein Kopfkissen.

In der Vergangenheit habe ich in keiner Ferienwohnung, in keinem Hotel, ein Kopfkissen vorgefunden, auf dem man nur halbwegs vernünftig hätte schlafen können. Von daher verreise ich nie ohne MEIN Kopfkissen, damit Entspannung und Erholung nicht schon am falschen Kopfkissen scheitern.

In der Bibel findet man eine Geschichte, die für mich lange Zeit der Inbegriff unfairen Verhaltens Jesu gegenüber seinen Jüngern war. Insgeheim hatte ich aber doch Skrupel, Jesus unfaires Verhalten vorzuwerfen. Also beschäftigte ich mich solange mit der Geschichte, bis sich meine Sichtweise änderte. Heute gehört sie zu meinen biblischen Schmankerln! Um das Geheimnis zu lüften….. die Geschichte steht in Markus 4, 35 – 41: Die Stillung des Sturms. Sie wird auch in Matthäus und Lukas erzählt, allerdings ohne  ein Detail,  das ich gerade besonders interessant finde.

Nachts auf dem See.

Nachdem Jesus tagsüber am See Genezareth zu einer großen Volksmenge gesprochen hatte, bat er seine Jünger am Abend, ans andere Ufer des Sees zu fahren. „Das Volk zerstreute sich und die Jünger nahmen ihn im Schiff mit“, so lautet die biblische Darstellung. Einige von Jesu Gefolgsleuten  waren von Beruf Fischer: Mit Schiffen, der See, dem Fischen kannten sie sich aus und Jesus, den Zimmermann, nahmen sie mit! Losgefahren ist man anscheinend noch bei ruhiger Wetterlage, aber das änderte sich schnell. Ein Sturm zog auf und zwar einer der ganz heftigen Sorte. Es war, bedingt durch verschiedene Faktoren, keineswegs ungewöhnlich, dass sich auf dem See Genezareth plötzlich sehr heftige Stürme entwickeln konnten. Für die Fischer unter den Jüngern keine schöne, aber durchaus vertraute Situation. Aber diesmal war alles schlimmer: Das Schiff füllte sich mehr und mehr mit Wasser und die Jünger kämpften um ihr Leben.  Dass es aus Sicht der Jünger wirklich ums Überleben ging, wurde an der Bemerkung  deutlich,  mit der sie Jesus weckten: „Meister, ist es dir gleichgültig, dass wir untergehen?“ Sie fanden es  sehr „uncool“ von Jesus, dass er sich nicht an dem Versuch beteiligte, ihrer aller Leben zu retten.

Jetzt kommt ein Satz, der mich fasziniert: Jesus schlief im hinteren Teil des Schiffes auf einem  Kissen. Man muss sich die Lage ungefähr so vorstellen:  Völlige Dunkelheit, orkanartiger Sturm, überall Wasser. Die  Situation war extrem unübersichtlich und lebensbedrohlich und Jesus schlief auf einem Kissen. Unvorstellbar!! Er hatte es sich sicher vor dem Sturm gemütlich gemacht, erschöpft von einem anstrengenden Tag. Aber selbst dieses Weltuntergangsszenario konnte ihn nicht aus seinem Schlaf holen. Höchst erstaunlich!!

Er ließ sich dann doch von den panikerfüllten Jüngern „stören“ und diese wurden sogleich Zeugen seiner einzigartigen Macht und Autorität. Das Wetter gab augenblicklich klein bei. Der Wind legte sich, das Meer lag plötzlich friedlich da, als ob alle nur einen bösen Traum gehabt hätten. Und jetzt kommt dieser Satz von Jesus, den ich früher total unfair fand (frei übersetzt): Hey, warum regt ihr euch auf? Dafür gibt es keinen Grund. Wo ist euer Vertrauen geblieben?  Warum sagt Jesus das in dieser provozierenden Art und Weise?

Er hatte noch am Tag zuvor zu dem Volk in Gleichnissen gepredigt. In Gleichnissen, also einer bildhaften Sprache deshalb, damit die Zuhörer seine Worte besser verstehen konnten.  Dass Jesus in dieser extremen Wetterlage überhaupt schlafen konnte, ruhig und entspannt, auf einem Kissen, hatte eine starke Aussagekraft. Es stand so krass im Gegensatz zu den Naturgewalten, die gerade tobten, dass die Jünger stutzig hätten werden müssen. Aber sie waren zu sehr in ihrer Angst und Panik gefangen.  Dafür gab es „einen erhobenen Zeigefinger“ von Jesus.  Die Jünger hatten doch schon so viel mit ihrem Herrn erlebt, waren aber nicht in der Lage, sich in der Krise vertrauensvoll an ihn zu wenden.

Was habe ich aus der Geschichte gelernt:

Auch wir können in Stürme geraten, die schlimmstenfalls sogar lebensbedrohliche Dimensionen annehmen können. Schnell entsteht dann der Eindruck, dass Jesus weit weg ist, dass er „schläft“, wie auf dem Schiff. NEIN. Er ist „an Bord“, präsent, kraftvoll, hellwach. Auch dann, wenn ich es vielleicht gerade nicht spüre. Das Kissen ist ein Symbol für mich geworden, in einem „beweglichen“ Vertrauen in Gott zu ruhen, so wie Jesus es vorgemacht hat. Beweglich deshalb, weil ich nie wissen kann, auf welche Art und Weise Gott sich um meinen Sturm kümmern wird. Bringt er ihn zum Stillstand oder hat er andere Vorstellungen der Hilfe. Meine stürmischen Zeiten wirklich komplett in Gottes Hände zu legen, ist ganz sicher nicht leicht. Aber wenn Jesus seinem Vater vertraut hat, will ich lernen es auch zu tun. Denn eines steht fest: Ich werde auf der anderen Seite ankommen. Garantiert!

Carmen Herz