Strafe Gottes?!

Wenn ich aktuell „Strafe Gottes“ in meine Suchmaschine eingebe, haben die ersten Ergebnisseiten fast durchgängig mit Corona zu tun. In vorderster Front finden sich namhafte Bischöfe, die sich auszuschließen bemühen, dass die Pandemie etwas mit Gott zu tun haben könnte. Ein fast vergessen geglaubtes Thema hat es bis auf die Titelseiten geschafft. Ich staune über die Gewissheit, mit der sich hier zu Wort gemeldet wird. Immerhin ist Strafe Gottes ein wiederkehrendes, wenn auch nicht beherrschendes Thema der Bibel. Ja, Epidemien werden sogar ausdrücklich in der Liste möglicher Strafmaßnahmen geführt (5. Mose 28,59+60 u.a.).

Woher rührt der fast hektische Richtigstellungsreflex – weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Doch zu bestreiten, dass Gott gelegentlich straft, klingt so aussichtslos wie zu ignorieren, dass Politessen von Zeit zu Zeit Strafzettel verteilen und Hunde, wenn auch selten, beißen.

Nach allem, was uns überliefert ist, müssen wir wohl dazu stehen, dass unser Gott auch straft, d.h. auf ein offenkundiges Fehlverhalten einen schwerwiegenden Nachteil folgen lässt. Das tut er längst nicht immer, aber wohl auch nicht nie.

Die Schwierigkeit ist, dass wir eigentlich ständig hinter seinen guten Zielen zurückblieben, ob als einzelne, ob als Gesellschaften oder gar Weltgemeinschaft. Am komfortabelsten lässt sich über die globalen Versäumnisse lamentieren: Wir verbrauchen die Ressourcen künftiger Generationen, wir schauen weg, um gute Geschäftspartner nicht zu vergraulen, wir zementieren Ungleichheit, statt sie zu verringern.

Strafe oder Unglück?

Wer will sagen können, ob eine Katastrophe, ein Krieg oder eine Krankheit eine (verdiente) Strafe oder einfach nur ein großes Unglück ist?

Als 1525 die Pest in Breslau wütete, wurde Martin Luther vom einem der dortigen Pfarrer um seine Einschätzung gebeten. Luther war selbst in dieser Zeit sehr angeschlagen und antwortete dadurch erst 1527 (veröffentlicht unter dem Titel „Ob man vor dem Sterben fliehen möge“). Mittlerweile war die Pest auch in Wittenberg angekommen, Luther blieb jedoch gegen den Wunsch seines Landesherrn in der Stadt, predigte und begleitete die Infizierten wie die Hinterbliebenen seelsorgerlich.

Obwohl Luther es sonst nicht an Klarheit fehlen lässt, ist er in der Bewertung der Pest erstaunlich zurückhaltend. Ja, die Pest mag eine Strafe sein, doch verbindlich äußert er sich nicht. Luther denkt hier wohl an eine Art göttliche Zulassung: „der Feind (der Teufel) hat uns durch Gottes Verhängnis Gift und tödliche Krankheit herein geschickt“. Sinn und Zweck des Ganzen bleiben offen. Die Vorstellung eines göttlichen Mahnrufs scheint ihm fern zu liegen. Gott warnt und mahnt klar und deutlich durch sein Wort. Wozu bräuchte es da noch der Pest!

Viel wichtiger ist ihm, wie die Menschen mit dieser Bedrohung umgehen. Sollen sie der Ausbreitung der todbringenden Krankheit passiv (= gottergeben) zuschauen? Das kann er nicht sehen. Alles Unglück ist erst einmal das zerstörerische Werk des Teufels und damit gegen das gottgeschenkte Lebensglück gerichtet.

Deshalb wäre Ergebenheit grundfalsch. Luther vergleicht eine solche Haltung mit einem Menschen, der einem Brand zuschaut, statt zu löschen und die Bewohner zu retten, oder mit einem anderen, der im Winter friert statt sich am Herd zu wärmen.

Nüchtern und sachkundig.

So geht Luther erstaunlich nüchtern und sachkundig mit der Epidemie um: Er sieht zum einen die Menschen mit einer seelsorgerlichen oder öffentlichen Verantwortung. Diese Verantwortung müssen sie wahrnehmen und dafür sogar gesundheitliche Risiken eingehen. Auch Ehepaare, Familienangehörige und Hofgemeinschaften sind füreinander verantwortlich. Dieses berechtigte Verantwortungsgefühl hat in den letzten Wochen manch einen zerrissen: Hygiene ist das eine, doch die Fürsorge für die (Beziehungs-) Bedürftigen ist ein ebenso hoher Wert.

Doch wer keine solche unmittelbare Verantwortung trägt, den sieht Luther frei, sich außer Gefahr zu bringen. Es hat fast etwas Amüsantes, welche biblischen Beispiele er für die Eigenverantwortung gegenüber dem eigenen Wohlergehen findet (Abraham, David, Elia). So mahnt Luther, die Häuser von Infizierten zu desinfizieren (in seiner Zeit geschah das durch Ausräuchern), Menschenansammlungen zu meiden und so „ein allgemeines Feuer gern dämpfen helfen“.

Wer diese Sicherheitsmaßnahmen nicht ernst nimmt, und sei es aus falsch verstandenem Glaubensmut, den kann er nur als „dummkühn“ bezeichnen. Wer sich hingegen fahrlässig und boshaftig als Infizierter unter Menschen begibt, der braucht nicht den Arzt, sondern „Meister Hans“ (den Henker).

Wo ist sie, die Strafe?

So belegt die Rede von der Strafe Gottes in der christlichen Tradition ist, für mich bleibt sie im eigenen Leben blass und leer. Mir will einfach kein Beispiel einfallen. Klar, nicht alles ist rundgelaufen, doch Strafe konnte ich darin nie entdecken. Selbst in Momenten, wo ich dachte, jetzt wäre ein himmlischer Blitz durchaus angemessen, blieb der Himmel ruhig und Gott unverdient geduldig. Das mag anderen anders gehen. Ich habe Gott immer neu geduldig und freundlich erlebt. In Sachen Strafe Gottes fehlt mir jede biographische Kompetenz – was ich gern zugebe. 

Marcus Schäfer