Miroslav Volf – Öffentlich Glauben

Bereits in den Fünfzigerjahren ist der evangelische Theologe Richard Niebuhr der Frage nachgegangen, wie sich Christus bzw. Christsein und Kultur zueinander verhalten. Niebuhr sah mehrere, sich zum Teil ausschließende Alternativen: Christus steht im Widerspruch zur Kultur, Christus und Kultur sind eins, Christus steht über der Kultur usw.

Der Frage nach dem Verhältnis von Christus bzw. Christsein und Kultur verfolgt auch Miroslav Volf in seinem Buch „Öffentlich Glauben in einer pluralistischen Gesellschaft“. Sechs Auswirkungen der Christus-Nachfolge sieht er:

1) Christlicher Glaube hat die Welt im Blick und will sich in sie investieren. Das betrifft alle Bereiche des Lebens (Bildung, Kunst, Wirtschaft, Politik, Kommunikation, Unterhaltung).

2) Christlicher Glaube ist frei von Zwang, er drängt sich und seine Lebensweise anderen nicht auf.

3) Christlicher Glaube setzt sich in der Nachfolge Jesu für das Wohlergehen und gelingende Leben aller ein. Er sucht dazu das Gespräch und die öffentliche Debatte.

4) Die Welt ist zugleich Schöpfung als auch ein Ort der Auflehnung gegen Gott. So ist die christliche Haltung zur Welt komplex: mal von Annahme und Lernen, mal von Widerspruch und Veränderungswillen geprägt.

5) Christen bewirken Wohlergehen nicht, indem sie anderen ihre Anschauung aufdrängen, sondern indem sie Christus bezeugen.

6) Christen sind offen für verschiedene politische Lösungen. Sie setzen sich dafür ein, dass Menschen anderer Überzeugung so behandelt werden, wie sie es sich selbst erhoffen.

Allerdings ist christlicher Glaube nicht vor Irrtümern geschützt, Volf nennt sie Fehlfunktionen des Glaubens:

So steht der Glaube in Gefahr untätig zu werden, indem er auf eine konsequente Lebensführung verzichtet oder sich den gesellschaftlichen Erwartungen beugt.

Eine andere Fehlfunktion ist die Übergriffigkeit des Glaubens. Und in der Tat gibt es Beispiele von Christen, die ihre Überzeugungen bedrängend oder gar gewaltsam verbreitet haben.

„Die meisten Fehlfunktionen des Glaubens entstehen dadurch, dass man entweder Gott oder den Nächsten nicht liebt.“ (124)

Hier sieht Volf einen Auftrag, für den Christen einstehen und im öffentlichen Leben Verbündete finden können, über den eigenen Glaubenshorizont hinaus: „Der gemeinsame Auftrag besteht… darin, in der gegenwärtigen Kultur deutlich zu machen, dass Menschen nur gedeihen, wenn die Liebe zum Vergnügen, eine dominierende Antriebskraft unserer Kultur, dem Vergnügen an der Liebe weicht.“ (200)

Das Buch „Öffentlich Glauben“ will Christen für diesen Auftrag sensibilisieren (Verlag der Francke-Buchhandlung, 2015, ISBN 978-3-86827-538-4).

Marcus Schäfer