Lieder gegen das Leiden

Paul Gerhardt war elf Jahre alt, als der Dreißigjährige Krieg über Deutschland hereinbrach. Mit zwölf verlor er seinen Vater, zwei Jahre später seine Mutter. Mit dem Krieg kam auch die Pest. In seinem Heimatort starb die Hälfte der Einwohner, darunter auch sein Bruder Christian und dessen kleine Tochter. Auch Berlin, wohin es Paul Gerhardt 1643 zog, war schwer gezeichnet: Von den einst 12 000 Menschen lebten noch 6000 in der Stadt, 200 Häuser standen leer. Aus jener Zeit stammt die Formulierung, dass jemand sang- und klanglos abtritt: weil man mit dem Singen nicht hinterherkam, weil man weder singen konnte noch wollte.

Gegen Leid und Not schrieb Gerhardt seine Lieder. Ein Glücksfall war die Begegnung mit Johann Crüger, dem Kantor der Nikolai-Kirche. Gerhardts tiefe, klare Texte und Crügers eingängige Melodien trösteten, machten Mut und boten einen biblisch gegründeten Deutungsrahmen für das Erlebte.

Paul Gerhardt lieh denen seine Stimme, die mit Isolation und Einsamkeit nicht mehr fertig wurden:

Hoff, o du arme Seele,
hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken;
erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken
die Sonn der schönsten Freud.

Er wehrte sich, Not und Verzweiflung unwidersprochen hinzunehmen, und setzte den Glaubensmut dagegen:

Unverzagt und ohne Grauen
soll ein Christ, wo er ist,
stets sich lassen schauen.
Wollt ihn auch der Tod aufreiben,
soll der Mut dennoch gut
und fein stille bleiben.

Schließlich nahm er sich und seine Gemeinde in die Pflicht, bei aller Not auch immer wieder nach dem Schönen und Erfreulichen Ausschau zu halten:

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerszeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben.

So sind seine Lieder Vielen wertvolle Begleiter in schweren Zeiten geworden – bis heute.

Marcus Schäfer