Großbaustelle

Eigentlich hätten die Bauarbeiten schon lange abgeschlossen sein sollen. Die Fertigstellung des Projektes ist lange überfällig. Aber ein schwelender Streit hat alles verzögert. Jetzt endlich findet sich ein fähiger Projektleiter: Er gibt seinen bisherigen Posten, eine Vertrauensstellung am Königshof, auf und macht sich sofort an die Arbeit. Zuerst wird die Baustelle besichtigt: der Stand der Arbeiten, die schwierigen Bauabschnitte, die Kostenfallen werden sorgfältig dokumentiert. Dann müssen die Verantwortungsträger gewonnen werden. Das erweist sich als entscheidend, denn schon bald formieren sich wieder die Gegner, die mit harten Bandagen gegen die Ausführung kämpfen. Einige Male steht das Projekt auf der Kippe.

Doch schließlich können die Arbeiten zu Ende gebracht werden. Die Mauern stehen auf mehreren Kilometern wieder fest, mindestens sieben große Tore werden eingehängt, die Stadtmauer Jerusalems ist vollendet. Nach nur 52 Tagen Bauzeit kann die Anlage eingeweiht werden. Eine logistische Meisterleistung, der Projektleiter Nehemia hat alles richtig gemacht. Die Steinmetze und Tischler haben ihr Handwerk verstanden. Die PR-Abteilung hat den Teamgeist beflügelt und die Projektgegner in ihre Schranken gewiesen.

Doch nach Abschluss der Arbeiten werden keine Orden verteilt oder Prämien ausgeschüttet. Es wird keine feierliche Schlüsselübergabe zelebriert, niemand schmückt sich mit dem Erfolg.

Stattdessen wird ein Festgottesdienst gefeiert, ein Gottesdienst, wie ihn Jerusalem seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat: 42 000 Menschen kommen zusammen, 6 Stunden dauert dieser Gottesdienst. Der Priester Esra bringt es auf den Punkt:

„Der heutige Tag ist ein Festtag zur Ehre des HERRN! Macht euch keine Sorgen,
denn die Freude am HERRN umgibt euch wie eine schützende Mauer!“
Nehemia 8,10

Unbestritten war die Leistung der menschlichen Akteure, doch letztlich war der Erfolg Gottes Geschenk. Er hatte diesen Neuanfang möglich gemacht. Das war in diesem Moment allen klar. Und so entschied man sich, Gott zu ehren statt Menschen zu feiern. Am Ende war er es, der den umstrittenen Bau gelingen ließ. Und so fest  die Mauer auch gebaut sein mag – ist sie doch nicht das, was wirklich schützt, sondern: Die Freude am Herrn umgibt euch wie eine schützende Mauer.

Marcus Schäfer