Ein Leben in Angst?

Angst ist in den heutigen Tagen unser ständiger Begleiter. Einige von uns verspüren sie äußerst intensiv, andere nehmen sie nur latent wahr, eventuell sogar nur als minimale Sorge. Wegdiskutieren oder verdrängen kann man sie aber nicht.

Zum einen leben wir als Gemeinde auf einem wirklich heißen Corona-Pflaster. Die absoluten Fallzahlen des herumgeisternden Virus mögen eventuell nur zweistellig sein. In Bezug auf unsere Einwohnerzahl und die siebentägliche Entwicklung geben die Fakten aber alles andere als Entwarnung. Wir leben in einem echten Hotspot.

Zum anderen schwebt in genau diesen Tagen die offene Frage über unseren Köpfen, wie wir nun genau die kommenden Wochen gestalten werden. Die Regale in den Einkaufsläden sowie die Berichte in Radio, Zeitung und Internet sprechen eine eindeutige Sprache: Der nächste harte Lockdown kommt. Eigentlich geht es nur um die Fragen, wann es soweit sein wird – und was das mit unserem Gemeindeleben macht.

Bis in den Alltag hinein.

Auch wenn ich äußerlich oft gelassen wirken mag, macht die aktuelle Entwicklung mir zu schaffen. Mein eigenes Leben kann ich sicher durch gute digitale Vernetzung über einige Wochen aufrecht erhalten. Auch die körperliche Versorgung ist durch jahrelange Vorratshaltung gewährleistet. Was wird aber aus den vielen Menschen, die ich so lieb habe – und die vor einer langen Zeit der Einsamkeit stehen?

Was wird aus denjenigen, die zur Hochrisikogruppe gehören und mit einer Infektion wahrscheinlich an ein frühes Lebensende geraten? Wie können wir Gemeinde in einer Zeit gestalten, in der Kraft und Ausdauer bereits seit Monaten überspannt sind und sich alle nach einem Ende der Pandemie sehnen?

Ideale Antworten habe ich nicht. Aus vielen kreativen Ideen können nur einige wenige verwirklicht werden. Ein Rest von Unsicherheit bleibt bestehen. Angst ist allerdings kein guter Ratgeber, wenn es um die persönliche Lebensgestaltung geht.

Der Angst ins Auge sehen.

Eine große Hilfe sind mir in der Vergangenheit ganz konkrete Schritte geworden, um meiner persönlichen Angst, die sich oft eher in unwohlen Emotionen, als in strukturierten Gedankenwelten abspielt, ins Auge zu blicken:

1. Die Angst aus dem Herz in den Kopf holen.

Eine große Hilfe ist es, wenn man den Blick auf die tatsächlichen Dinge richtet. Wenn ich mir bewusst darüber bin, welche Verhaltensweisen zur Hygiene ich beachte, minimiert das die Angst vor einer Ansteckung. Weiß ich über mögliche Konsequenzen eines Lockdowns – und meine Vorbereitung darauf – für meinen Alltag, hilft dies die Ungewissheit auszuhalten.

Es ist gut, intensiv über die äußeren Umstände nachzudenken, nicht zu sehr den Blick nach innen zu richten und sich in lauter Sorge um Dinge, die man nicht verändern kann, zu verlieren.

2. Mit Menschen sprechen.

Wenn mich etwas zu sehr beschäftigt, spreche ich mit anderen Menschen. Im Grunde benennen wir Christen solche Gespräche als Seelsorge, sie beginnen oft nicht erst mit einer Terminvereinbarung und einem Platz im Büro vom Pastor.

In den vergangenen Monaten waren Telefon und Videokonferenzen wichtige soziale Kontakte. Viele Stunden habe ich mit einem Freund an meinem Schreibtisch gesessen und gearbeitet. Er hat ebenso gearbeitet, es war fast wie in einem Großraumbüro. Der Unterschied waren nur unzählige Kilometer zwischen uns, die durch Webcams überbrückt wurden.

Etwas auszusprechen und vom anderen ausgehalten zu wissen reicht oft schon, um Angst in den Griff zu bekommen. Auch du hast Menschen, sprich sie an.

3. Für Entspannung sorgen.

Einer der großen Vorteile von Homeoffice und wasserfestem Tablet ist, dass man aus der Badewanne heraus E-Mails beantworten kann. Allerdings – das möchte ich schnell betonen – ist das natürlich nicht die Hauptbeschäftigung des Pastors…

Wir alle kennen aber Rituale, die für Entspannung sorgen. Mir selbst hilft Bibel lesen und Gebet oft noch mehr, als ein heißes Bad in Lavendel. Immer wieder erfahre ich, wie der Friede Gottes alle meine Vernunft, meine Emotion und meine innersten Ängste übersteigt. Momente der Stille ändern nichts an der äußeren Situation, sie helfen aber, die Situation mit Gottes Hilfe auszuhalten.

4. Dinge aufschreiben

Dieser Beitrag hier zeigt schon, wie lieb mir über die vergangenen Jahrzehnte das Schreiben geworden ist. Etwa 10 Prozent meiner Texte dringen in die Öffentlichkeit vor. Vielmehr nutze ich sie als Ventil, um Gedanken zu ordnen und Dinge zu strukturieren.

Man kann beispielsweise aufschreiben, was in der aktuellen Situation trotz allem positiv ist, wofür wir dankbar sein können. Man kann formulieren, wie sich gewisse Angstmomente anfühlen und womit sie sich vergleichen lassen. Ein weiterer Weg wäre ein kreativer, vielleicht über Lyrik oder dem schreiben einer richtigen Geschichte. Hin und wieder überlegte ich schon, was Maus und Igel (man kennt sie aus unserem Adventskalender für Kinder) wohl in der Corona-Zeit alles erlebt hätten…

5. Mich der Angst stellen.

Am Ende kann niemand von uns bis ans Lebensende daheim bleiben. Es gibt Situationen, da nützt es nichts, wir müssen uns der Angst stellen. Konkret weiß ich zutiefst, dass ich selbstverständlich die Hand einer infizierten Person halten würde, wenn sie mich darum bittet.

Ich weiß auch, dass mir alltäglich viele weitere gefährliche Situationen begegnen. Jede Fahrt mit meinem Auto, jeder Weg über die Straße, jede Aktion im Haushalt birgt eine gewisse Gefahr. Davon möchte ich mich nicht verrückt machen lassen.

Selbstverständlich braucht es Umsicht und verantwortungsvolles Handeln. Natürlich möchte ich angemessen mit meiner geschenkten Lebenszeit umgehen und kein unnötiges Risiko eingehen. Gewisse Gefahren und damit verbundene Ängste gilt es aber auch auszuhalten. Hin und wieder lernt man dann sogar, dass eine Angst unbegründet war. Kleine Schritte führen hier zum Ziel. Wer sich vor einer Vogelspinne fürchtet, fängt in der Therapie normalerweise mit einem Exemplar aus Plastik an…

Ende gut, alles gut?

Am Ende bleibt unsere Situation auch nach diesen Zeilen noch dieselbe. Wir ändern nichts an der Pandemie und an der Zukunft unserer Welt. Auch in den kommenden Jahren gibt es Unsicherheiten. Was wird mit dem Euro geschehen? Kann unsere Demokratie die Aggression, die derzeit durch die Gesellschaft zieht, aushalten? Es bleibt viel auszuhalten. Wir haben aber den Einen an unserer Seite, dem alle Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist. Er ist derjenige, der uns trägt, der uns hält – und der uns auf neue Wege führt.

Er weiß darum, dass wir uns manchmal fürchten, hat menschliche Emotionen – auch Angst – am eigenen Leib zu spüren bekommen. So konnte er eines Tages auch aus ganzem Herzen sagen:

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Johannes 16,33b

Diese Welt, die uns nun viele Gedanken bereitet, ist nicht alles. Jesus Christus selbst wartet auf uns und geht mit uns ins ewige Leben. Auch dieser Gedanke schenkt uns Mut und hilft uns durch düstere Zeiten. Daran denken wir im Advent, daran wollen wir aber auch darüber hinaus denken…

Simon Birr