Die Gemeinde und das Dorf

In meinem Studium, aber besonders in meinem Praktikum, mache ich mir viele Gedanken darüber, wie man heutzutage Gemeinde leben kann und sollte. Es gibt viele unterschiedliche Modelle.

Da gibt es die strengeren Brüdergemeinden, die sich von der Außenwelt abschotten und unter sich bleiben.

Es gibt super offene Gemeinden, die jeden Fremden willkommen heißen.

Und es gibt Gemeinden, die beide Strömungen in sich haben oder eher zu einer der beiden Richtungen tendieren.

Überleg selbst, wo du hier die FeG Ewersbach ansiedeln würdest.

Ich persönlich möchte diese Einschätzung nicht vornehmen, sondern meinen Favoriten der drei Möglichkeiten nennen (sicherlich gibt es noch viele mehr).

Was finden wir in der Bibel?

Schauen wir in die Bibel, dann finden wir schon in der Apostelgeschichte die verschiedenen Ansätze wieder. Die Urgemeinde in Jerusalem bestand hauptsächlich aus Judenchristen, welche die Tora hochhielten. Der Gedanke, dass Gott sich auch den Heiden zuwendet und sie den Heiligen Geist empfangen, war erstmal sehr befremdlich für sie. Sie blieben eher unter sich.

Die andere Strömung stellte Paulus dar. Er war entschieden, zu den Heiden zu gehen und dort Gemeinden zu gründen. Seine Gemeinden bestanden aus Heiden- und Judenchristen.

Wie man sieht, ist die Frage, wie weit sich Gemeinde für andere Menschen öffnen sollte, nichts Neues. Sie spielt von Anfang an eine Rolle, seit es Christen gibt.

Ich persönlich empfinde Paulus Vorgehensweise als besser als die der Jerusalemer Gemeinde. Paulus hatte verstanden, dass Jesus Christus für alle Menschen gestorben ist, egal woher sie kommen, oder was sie vorher geglaubt haben.

Wie ist das jetzt mit der Perspektive der Gemeinde?

Heute möchte ich hinzufügen: Egal, was sie verbrochen haben, egal wie sie aussehen, wie sie riechen, wie gemein sie zu mir waren oder sind. Wie schlecht ihr Ruf im Dorf ist. Jesus ist für uns ALLE gestorben.

Für mich selbst kann ich das immer gut annehmen. Aber ich finde, es hilft, sich bewusst zu sagen, dass Jesus auch für Person XY gestorben ist, auf die ich grade stinksauer bin, oder auf die ich seit Jahren einen Groll hege oder umgekehrt.

Das ändert die Perspektive, den Blickwinkel, und lenkt den Fokus auf Gott.

Meiner Meinung nach sollte und muss Gemeinde immer nach außen gerichtet sein. Die nach innen gekehrten, unter sich bleibenden Gemeinden haben ihre Geschichte und ich möchte sie dafür nicht verurteilen. Dennoch leben sie an Gottes Auftrag und damit seinem Willen vorbei. Denn Gott möchte, dass ALLE Menschen zu ihm finden.

Das ist der Auftrag der Gemeinde.

Das ist der Auftrag eines jeden Christen! Und dieser Auftrag ist unvereinbar mit dem Gedanken, unter sich bleiben zu wollen.

Ich kann diesen Gedanken aber durchaus nachvollziehen. Es ist einfacher, bequemer und unkomplizierter, wenn man sich nicht laufend auf neue Leute einstellen muss. Wenn man seinen Hauskreis nicht um eine fremde Person erweitern muss, durch die sich das beliebte Gruppengefüge ändert.

Der einfache Weg ist aber nicht immer der Richtige. Außerdem verpasst man einiges. Neue Gedanken, neue Sichtweisen, neue Menschen, die die Gemeinde und mein eigenes Leben bereichern.

Gemeinde ist für die Menschen da. Die Menschen in unserem Dorf. Besonders für diejenigen, die Jesus noch NICHT kennen. Nicht nur, um uns als Christen am Sonntag eine wollige Zeit zu bescheren.

Unsere Entscheidung

Gottes Auftrag steht. Wie verhalten wir uns dazu? Letztlich steht die FeG Ewersbach abseits des Dorfs oder mittendrin, je nachdem wie wir uns ausrichten.

Wie sieht aber eine Gemeinde mitten im Dorf aus? Nun, da gibt es sicherlich viele Möglichkeiten.

Ich persönlich finde es gut, wenn man anstelle von 3 Abendveranstaltungen in der Gemeinde pro Woche nur 2 Mal hingeht, und stattdessen einen Abend in der Woche einen Verein im Dorf besucht und sich dort engagiert. Menschen begegnen, die Jesus und die Gemeinde noch nicht (so gut) kennen.

Oder indem man mal bewusst eine Freundin/einen Freund kontaktiert, der NICHT zur Gemeinde oder zum gewohnten Freundeskreis gehört und ihn auf einen Kaffee einlädt.

Eine Einladung an die Nachbarn zum Gottesdienst.

Und so weiter. Finde deinen eigenen Weg. Das muss jeder von uns tun. Wir alle sind unterschiedlich. Aber wir alle haben denselben Auftrag: den Glauben im Dorf zu leben – mittendrin.

Jonas Schultze