Der Kreis der Nächsten

Eines Tages ist Jesus an einem See. Dort befindet sich das Zollhaus, in dem Levi sitzt. Der Name verrät, dass Levi ein Jude ist – wie die meisten in Israel. Aber als Zöllner wollen nicht nur andere Volksgruppen nichts mit ihm zu tun haben, sondern sogar seine eigenen Leute, die Juden. Sie verachten ihn. 

Zöllner gelten als „Abschaum“ der Gesellschaft. In anderen Bibelstellen werden sie mit Heiden, also Ungläubigen, gleichgesetzt und auch mit Huren (Matthäus 18, 17; Matthäus 21, 31-32). Für die frommen Juden gelten Zöllner und sogar ihr Haus als unrein. Jeder, der mit ihnen Kontakt hat, wird folglich auch unrein. Man muss gestehen, dass die Zöllner auch selbst einiges zu ihrem schlechten Ruf beitragen. Denn sie betrügen regelmäßig Menschen und ziehen ihnen das Geld aus der Tasche. Levi ist also ein krasser Außenseiter der Gesellschaft.  

Und dann geht Jesus zu ihm hin und sagt ihm einfach: „Komm, folge mir nach.“ Levi steht auf und tut, was Jesus sagt. Wahnsinn! Da kommt ein fremder Mann und ein wohlhabender Zöllner gibt einfach seinen Job auf, indem er seinen Arbeitsplatz verlässt, und mit diesem Fremden mitgeht. 

Jesus segnet diesen Mann.

So etwas hat er anscheinend noch nie erlebt. Jemand interessiert sich wirklich für ihn und wertschätzt ihn. Endlich wird er mal nicht angeklagt oder beschimpft, sondern da will jemand Zeit mit ihm verbringen, gerade WEIL er ein Zöllner ist?! Diese Begegnung verändert das Leben von Levi. Er ist begeistert und lädt Jesus und einige andere seiner „Gaunerkollegen“ zum Essen in sein Haus ein. Er antwortet auf Jesu Aufforderung ihm nachzufolgen, indem er ihm Gastfreundschaft erweist. 

Man muss wissen: Damals galt Gastfreundschaft als sehr hohes Gut in der Gesellschaft – viel mehr als heute. Jemanden einzuladen hatte eine große Bedeutung. Ebenso große Bedeutung hatte es aber auch, zu wem man zum Essen kommt. Es war für die Pharisäer undenkbar bei einem Zöllner zu essen, weil sie ein „unreines“ Haus betreten mussten und damit selbst unrein geworden wären. Aber Jesus durchbricht diese schiefen Denkmuster. Er verbringt Zeit mit Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Ein Gemeinschaftsmahl, das mit Gebet und Segnung begonnen und abgeschlossen wird, verbindet die Gäste mit Gott und untereinander und ist eine heilige Handlung. Damit wird Levis Haus zu einem Ort der Begegnung mit Gott selbst.

Als die Pharisäer das sehen, „fragen“ sie die Jünger, wie Jesus so etwas tun kann, wieso er sich mit solch einem „Abschaum“ abgibt? Eigentlich ist es aber keine Frage, sondern eher eine Anklage. So etwas macht man nicht. Punkt. Die Schriftgelehrten „rufen“ den Jüngern eher von außen diesen Vorwurf zu. Sie suchen nicht ein ernsthaftes Gespräch, sondern wollen die Jünger davon abbringen, dieses in ihren Augen schändliche Mahl zu unterstützen. Sie wollen die Jünger dazu bringen, sich von ihrem Rabbi und dessen Lebensstil zu distanzieren. 

Aber das ist das Besondere an dieser Geschichte. Jesu Antwort zeigt, dass die Pharisäer nicht erkennen, was sein Umgang mit Sündern bedeutet. 

Jesus kam für die Sünder.

Jesus kam auf diese Erde, um Sünder zu rufen und sie zu retten! Wie ein Arzt bei den Kranken sein muss, so muss Jesus bei den Sündern sein. Damit zeigt Jesus Menschen wie Levi, dass er das, was er sagt, auch lebt. Er sagt ihnen nicht nur was sie falsch machen, wie schlimm sie sind. Sondern er zeigt ihnen, dass er sie annimmt und liebt, indem er mit ihnen am Tisch sitzt / liegt. Dem Zöllner sind seine Habgier und Falschheit selbst bewusst, Jesus muss sie gar nicht mehr erwähnen. Jetzt ist Jesus da und strahlt Gottes Herrlichkeit, seine Gnade und Wahrheit aus. In seiner Gegenwart wird Levi rein. 

Jesu Umgang mit Zöllnern und Sündern sollte uns als Gemeinde ein Vorbild sein. Würden wir solche Menschen in unsere Gemeinde aufnehmen? Würden wir mit ihnen zusammen essen, d.h. mit ihnen Zeit verbringen und sie voll akzeptieren?

Es geht um viel mehr.

Ich glaube, dass das Problem noch tiefer geht. Wenn ich ehrlich bin, dann denke ich manchmal, dass ich schon irgendwie besser bin als Menschen, die offensichtlich in Sünde leben. Auch wenn ich das nicht wahrhaben will, kommen mir solche Gedanken. Aber das ist ein großer Selbstbetrug, weil ich auch als Christ immer noch sündigen kann und es tue.

Doch Jesus hat andere Maßstäbe und Gedanken. Er möchte Zeit mit Sündern verbringen, und damit mit dir und mir. Er ist für die gekommen, die sich ihrer Sündhaftigkeit bewusst sind. Und nicht für die, die denken, sie wären etwas Besseres. 
Jesu Worte sind für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Denn genauso denke ich nicht selten. 

Wir aber sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst. Ich frage mich: Wer gehört denn zu unserem „Kreis der Nächsten“?  Lassen wir in unseren Kreis der Nächsten nicht oft nur Menschen hinein, die in unseren Augen bewundernswert, angesehen und sympathisch sind? 

Die folgende Grafik soll verdeutlichen, was ich damit meine. Denn der Kreis der Nächsten sollte nicht nur aus Freunden, Familie und Gemeinde bestehen, sondern weit darüber hinaus gehen. So hat es Jesus vorgelebt. Er hatte seinen Kreis der Jünger, aber diesen hat er stetig erweitert, indem er andere, die außerhalb standen, in seinen Kreis hineingeholt hat, so wie Levi. Einen Menschen, der nach den Maßstäben der damaligen Zeit es nicht wert war, beachtet zu werden. 

Wer könnte ein „Levi“ in deinem Leben sein?

Der komische Typ im Dorf, der ständig nach Alkohol riecht oder derjenige, über den du schon lange schlecht denkst, weil er dir auf die Nerven geht? Die Leute, die dir Unrecht angetan haben, die dich verletzt haben? Frag dich selbst, wen du in deinen Kreis der Nächsten hineinlässt, und wen nicht. Nimm dir einen Moment Zeit dafür. Und das ist nicht leicht. Das ist sogar echt schwer. Aber zum Glück müssen wir das nicht allein schaffen. Lasst uns dafür beten, dass wir erkennen, wo wir Menschen insgeheim oder auch offensichtlich ablehnen, weil wir denken, wir wären etwas Besseres als sie. 

»Die Gesunden brauchen keinen Arzt – wohl aber die Kranken. Ich bin gekommen, um Sünder zu rufen, nicht Menschen, die sich schon für gut genug halten.« 

Jesus 

 Jonas Schultze