Augenöffner

Heute bist du eingeladen, dich mithineinnehmen zu lassen. Hinein in eine Geschichte, die das Leben einer Person radikal verändert hat. Hinein in eine Geschichte, die auch dein Leben verändern kann.

Ungefähre Lesezeit: 6 Minuten.

Stell dir vor, du kannst nichts sehen.

Der Sonnenuntergang am Abend, der reich gedeckte Tisch, die Menschen, die du liebst – sind nur in deiner Fantasie sichtbar.

Du bist blind.

Das bedeutet, du kannst nicht arbeiten und musst am Straßenrand sitzen und Leute anbetteln.

So war das damals im Judentum zur Zeit Jesu. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, verachten dich viele Menschen, weil du als unrein giltst.

Dass du blind bist, ist bestimmt eine Folge deiner Sünde, denken sie.

Das heißt, du bist ein Außenseiter der Gesellschaft, mit dem man nichts zu tun haben möchte.

Jericho ist eigentlich eine reiche Stadt, aber nicht für dich. Von all dem Prunk und dem Wohlstand kriegst du nichts mit.

Du sitzt da mit deinem Mantel außerhalb der Stadt und bettelst.
Und auf einmal kommt eine Menschenmenge.

Du hörst sie schon von weitem. Das muss er sein, oder? Dieser Jesus! Von dem hast du schon viel gehört, der kann Menschen gesund machen.

Sogar einen Blinden hat er vor kurzem geheilt. Das ist deine Chance!

Endlich kannst du diese furchtbare Last loswerden, du kannst sehend werden.

Und als Jesus immer näherkommt, beginnst du zu rufen: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

„Sei Still“ motzen dich die Leute an, die Jesus begleiten.

Du bekommst den Mund verboten. So einer wie du schreit doch nicht den großen Propheten und Wundertäter an!

Aber ganz ehrlich. Das ist dir egal. Du rufst einfach weiter, was sollst du sonst auch machen?

Du siehst Jesus ja nicht und kannst nicht zu ihm laufen.

Also schreist du immer lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“

Und nach kurzer Zeit rufen die Leute, die dich gerade noch angefaucht haben, dass du zu ihm kommen darfst.

Also wirfst du schnell deinen Mantel weg, damit du besser laufen kannst, springst auf, und rennst zu ihm.

Da stehst du also vor ihm, vor Jesus.

Er hat die Macht, dich gesund zu machen, das weißt du ganz sicher.

Und es ist ja wirklich offensichtlich, was du von ihm möchtest.

Aber er fragt dich trotzdem: „Was soll ich für dich tun?“

Unglaublich, dieser Mann interessiert sich anscheinend wirklich für dich. Der möchte wissen, was du dir tief in deinem Inneren wünschst.

Er ist nicht hochnäsig und tut so, als wüsste er sowieso schon, was du brauchst, nein.

Er geht auf dich ein, weil du ihm wichtig bist.

Ja, diesem Jesus kannst du wirklich vertrauen, ihm kannst du sagen, was du dir wünschst!

„Rabbuni, ich möchte sehen.“

Ein Wort von ihm reicht, dass du sehen kannst. „Geh nur, dein Glaube hat dich geheilt“.

Und auf einmal, während er das sagt, gehen dir die Augen auf.

Du blinzelst. Du kannst es nicht fassen.

Du siehst in Jesu Gesicht und blickst dich um.

Da stehen so viele Menschen. So sehen Menschen also aus? Wahnsinn! Du kannst sehen! Während du dich fasziniert umschaust und Jesus voller Dank ansiehst, geht er weiter auf seinem Weg.

Wo geht er hin? Du weißt es nicht, aber du weißt eine Sache ganz genau:

Diesem Jesus geh ich hinterher! Egal wohin. Einer Person, die es so gut mit mir meint, die mich geheilt hat, die sich für mich interessiert und mich zu sich lässt, obwohl keiner etwas mit mir zu tun haben wollte, der kann ich blind vertrauen. Und ich weiß, was es heißt, jemandem blind zu vertrauen. Also nichts wie hinterher!

[Halte kurz ein. Sei einen Moment still.]

Ich finde die Geschichte von Bartimäus faszinierend.

Auf den ersten Blick dachte ich, dass es eine Wundergeschichte wie jede andere ist. Aber hinter ihr steckt viel mehr.

Bartimäus ist das Zentrum dieser Geschichte. Und das in einem Teil des Markusevangeliums, in dem berichtet wird, wie Jesus sich mit seinen Jüngern auf seinen letzten Weg nach Jerusalem macht. Die Lehrzeit der Jünger geht langsam zu Ende. Jesus bereitet sich darauf vor, in Jerusalem zu sterben. Auf diesem Weg begleiten ihn seine Jünger.

Aber bevor Jesus Bartimäus trifft, musste er seine Jünger belehren und ermahnen – mal wieder.

Sie verstehen nicht, was er sich unter wirklicher „Nachfolge“ vorstellt.

Jakobus und Johannes fragen ihn doch tatsächlich, ob sie im Himmel neben ihm sitzen können…Und dass, nachdem Jesus ihnen gesagt hatte, dass er bald sterben würde (vgl. Mk 10, 32-45).

Sie verstehen einfach gar nichts. Sie sind blind. Die Heilung des Bartimäus sagt etwas über die Jünger aus und den Weg, auf dem sie Jesus nachfolgen. Sie gehen auf dem Weg, und der Blinde sitzt am Rand und sie motzen ihn an, als er um Hilfe ruft. Diese Geschichte will viel mehr zeigen als „nur“ die heilende Kraft Jesu.
Dem Unverstand der Jünger setzt Markus (der Schreiber der Geschichte) den Glauben des Bartimäus entgegen. Dieser Glaube zeigt sich in der Ansprache des Bettlers: „Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner“ und dem ständigen Weiterrufen, obwohl er schweigen soll. Jesus fragt ihn, was er für ihn tun soll.  Interessant ist, dass er dieselbe Frage kurz vorher (Mk 10,36) schon Jakobus und Johannes gestellt hatte. Und hier wird ein scharfer Kontrast der jeweiligen Antworten klar: Bartimäus bittet um das Nächstliegende, das, was ihn grade beschäftigt. Die Jünger um Macht.
Bartimäus bittet Jesus genau um das, was Jesus bei seinen Jüngern so vermisst: Dass sie sehen können. Sie hatten nicht verstanden, was es heißt, Jesus nachzufolgen.

Und Bartimäus macht es ihnen vor. Sein Glaube rettet ihn. Jetzt folgt er Jesus nach! Er lässt seinen Mantel dafür zurück und läuft zu ihm. Obwohl er das wertvollste war, was er hatte. Sein Leben wurde komplett auf den Kopf gestellt. Er war blind und jetzt sieht er. Er saß am Rand und geht jetzt auf dem Weg. Bartimäus ist der erste und einzige Geheilte, der Jesus im Evangelium als Jünger direkt nachfolgt. Kurz darauf (vgl. Mk 11) zieht er mit ihm feierlich in Jerusalem ein, dem Ort seines Todes und seiner Auferstehung. Jesus wünscht sich echte Nachfolge von seinen Jüngern auf diesem Weg. Und ausgerechnet ein blinder Bettler vom Rande der Gesellschaft gibt den Jüngern ein Beispiel des Glaubens und der Nachfolge. Er lässt alles stehen und liegen, und läuft Jesus hinterher.

Zwei Dinge möchte ich dir mitgeben für deine Tage:

Jesus Nachfolgen bedeutet, ihm hinterherzulaufen. Ihm nach-zu-folgen. Mir geht es oft so, dass ich mich frage, ob ich Jesus denn auch WIRKLICH nachfolge. Aber die Geschichte von Bartimäus kann uns Mut machen, das zu tun, was uns auf dem Herzen liegt. Du darfst Jesus im Vertrauen anrufen und ihm sagen, was du brauchst. Er interessiert sich für dich, denn du bist ihm wichtig. Und er wünscht sich, dass du dich mit ihm auf den Weg machst. Ich bin mir sicher, dass Bartimäus nicht wusste, wohin der Weg ihn führt. Aber das spielte auch keine Rolle für ihn. Denn die Hauptsache ist, dass Jesus auf diesem Weg mit ihm geht. Dieses kindliche Vertrauen in Gott wünsche ich dir und mir. Lasst uns ihm unsere Sorgen im Gebet bringen und uns aufmachen, ihm hinterherzulaufen.

Der Glaube des Bartimäus ist schon irgendwie beeindruckend. Er glaubt, dass Jesus ihn gesund machen kann. Ganz ehrlich: Ich habe solchen Glauben nicht. Ich fühle mich oft wie die Jünger. Ich höre, was Jesus sagt, aber fühle mich dennoch irgendwie „blind“. Aber das großartige ist, dass Glaube keine Leistung ist, die ich erbringen muss. Glaube ist ein Geschenk, dass Gott uns gibt. Deswegen dürfen wir ihn darum bitten, dass er unseren Glauben stärkt. Das geht nicht von heute auf morgen. Das ist ein Prozess, in dem Jesus uns geduldig an die Hand nimmt. Und wir dürfen ehrlich beten und sagen: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“  So wie Jesus sich von seinen Jüngern wünscht, dass sie sehen können, so wünscht er sich auch, dass wir sehen lernen.

Und das heißt Vertrauen lernen.

Jesus vertrauen bedeutet, dass wir auch Sicherheit haben, wenn der Weg vor uns unbekannt ist. Wir können nicht wissen, was uns in unserem Leben, und auch in dieser aktuell schwierigen Zeit erwartet. Aber wir können wissen, dass es gut wird, weil wir Jesus nachfolgen.

Jonas Schultze