Auf Wolke Sieben

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Sprichwörtlich auf Wolke Sieben schweben. Die Bibel ist voll von Geschichten, in denen Menschen von Jesus eben genau auf diese Ebene gehoben wurden – auf ein ganz anderes Level. Das hat auch eine Frau erlebt, die zur Zeit Jesu lebte und ihm begegnete. (Ihre Geschichte kannst du in Markus 5, 25-34 nachlesen).

Jesus ist grade unterwegs, um die Tochter eines religiösen Führers der Juden gesund zu machen, die so krank war, dass sie bald sterben würde. Wir lesen in Markus 5, 21-23, dass dieser Mann vor Jesus niederfiel und ihn anflehte, seine Tochter zu heilen. Also macht sich Jesus auf den Weg zu ihm nach Hause und eine große Menschenmenge folgt ihm, um das Wunder mitzuerleben. Jesus ist unterwegs, in dringender Mission, heutzutage zu vergleichen mit einem Krankenwagen mit Blaulicht, der zu einem Unfallort rast. Und genau in dieser Situation spielt die Geschichte dieser Frau. 

Sie leidet seit 12 Jahren an einer unheilbaren Krankheit, sodass sie immer wieder Blutungen hat. Man kann davon  ausgehen, dass es entweder eine chronische Gebärmutterblutung oder eine krankhafte Menstruationsblutung war. So oder so muss man keine Frau sein, um das Leiden dieser Dame irgendwie nachvollziehen zu können. Denn in der damaligen Kultur galten Frauen, die Blutungen hatten, als unrein. Das bedeutet, dass sie jeden Menschen, den sie berührte und sogar jeden Gegenstand, den sie anfasste, verunreinigte. Keiner wollte Kontakt zu ihr haben, sie selbst durfte auch keinen Kontakt zu anderen Menschen haben. Wie schrecklich! 

Jahre der Isolation!

Stell dir vor, du bist zwei Wochen in Corona-Quarantäne und darfst keinen anderen Menschen sehen. Vielleicht hast du das auch schon erlebt. Und diese Frau leidet seit 12 J-a-h-r-e-n an dieser Krankheit.  Sie ist also sozial völlig isoliert und total einsam. Und als wäre das nicht schon genug, hat sie auch starke körperliche Probleme. Der ständige Blutverlust saugt ihr die Lebenskraft regelrecht aus den Adern. Es muss eine ungeheuerliche Kraftanstrengung und Überwindung für sie sein, sich in eine Menschenmenge zu wagen, sich durchzukämpfen und dann noch den Glauben aufzubringen, den Mantel eines der prominentesten Männer ihres Landes anzufassen! 

Dieser Jesus ist ihre allerletzte Hoffnung. Sie war ja schon bei unzähligen Ärzten, doch die haben ihr nur das Geld aus der Tasche gezogen, sodass sie jetzt in Armut leben muss. Trotzdem wurde die Krankheit nicht besser – sie wurde sogar schlimmer.  

Und dann passiert das Unglaubliche. Das, was viele Ärzte über Jahre nicht hinbekommen haben, geschieht in einem einzigen Augenblick. Sie berührt nur den Rand des Gewandes von Jesus und spürt sofort, dass die Blutung in ihrem Innern aufhört. 

Aber es bleibt ihr keine Zeit, das zu realisieren, denn Jesus fragt in die Menge hinein, wer sie angefasst hat. Ich kann mir vorstellen, wie es der Frau in diesem Moment zu Mute war: Schockstarre!

Die Jünger sind etwas verwirrt, warum Jesus das fragt, obwohl er in einer großen Menschenmenge unterwegs ist, die ihn bedrängt. Das kann ich voll verstehen. Eine komische Frage! Aber Jesus spürt, dass eine Kraft von ihm ausgegangen ist. Dabei könnte er es ja auch eigentlich belassen. Da ist jemand gesund geworden, der Person wurde ja schon geholfen. Aber er hebt die Frau mit seinem Handeln auf eine andere Ebene.

Sie kommt zu ihm mit großer Angst und fällt zitternd auf den Boden. Sie hat keine Ahnung, was jetzt mit ihr geschehen wird. Immerhin hatte sie grade einen Propheten und Wunderheiler angefasst, obwohl sie das eigentlich als unreiner Mensch nicht darf. Sie beichtet Jesus, was sie getan hat, als wäre es ein Verbrechen.  

Stell dir vor, wie sie vor Jesus auf dem Boden liegt und seine Antwort erwartet. 

»Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht. Geh in Frieden. Du bist geheilt

Ein Satz ändert alles!

Kein Ärger, keine Beschimpfung. Die erwartete Reaktion bleibt aus. Stattdessen nennt Jesus sie sogar „Tochter“. Mit einem Wort erhebt Jesus sie auf eine neue Stufe. Sie wird mit einem Schlag in die große Glaubensfamilie Gottes hineingehoben. Jesus erwähnt gar nicht, dass sie ja eigentlich unrein war und ihn nicht hätte berühren sollen, er legt auch nicht seinen Mantel ab, weil der jetzt unrein geworden wäre. Nein, er bringt dieser Frau einfach nur pure Wertschätzung entgegen. 

Ich frage mich, wie das für sie gewesen sein muss. 12 Jahre lang wollte niemand etwas mit ihr zu tun haben. Alle haben den Kontakt zu ihr vermieden. Und jetzt wird das alles mit einem Mal aufgehoben. Ihre Krankheit ist nicht nur weg, sondern auch ihre schreckliche Einsamkeit kann hier und jetzt ein Ende finden, weil Jesus ihre Heilung vor allen anderen bestätigt. 

Heilung bedeutet bei Jesus weit mehr als nur das Verändern der körperlichen Situation. Jesus verändert ihr ganzes Leben. Er richtet diese Frau auf und stellt ihren sozialen Status wieder her. Und er gibt ihr den Status der Gotteskindschaft als Tochter Gottes

Und das ist umso besonderer, weil Jesus komplett gegen die damaligen Regeln und Sitten handelt, denn Frauen hatten in der Gesellschaft sehr wenig Rechte und im religiösen Bereich überhaupt keine. Sie standen in der Hierarchie weit unter den Männern. Aber Jesus durchbricht diesen Kreislauf der Unterdrückung und behandelt sie auf Augenhöhe. 

Jesus versetzt die Frau auf Wolke Sieben.

Die Frau hatte geglaubt, dass Jesus sie gesund machen kann. Aber das hat sie meiner Meinung nach wahrscheinlich nicht erwartet. Als Sahnehäubchen segnet Jesus sie zum Abschied noch. „Geh hin in Frieden.“ Ihre Angst war gar nicht nötig! Jesus meint es durch und durch gut mir ihr. Ihm ist es egal, welche noch so schlimme Krankheit sie hatte, und dass sie deshalb als unrein galt. Für ihn ist sie so viel wert, dass er sie zu seiner Tochter macht, ja quasi adoptiert. Sie ist nun Teil einer Familie, die nicht abhängig von den Maßstäben dieser Welt ist. Mit Gott als liebendem Vater. Vorbei ist die Zeit ihrer Einsamkeit und der schrägen Blicke der anderen, vorbei ist die Zeit ihrer Scham und ihres kaputten Körpers. Jetzt ist die Zeit, um ihr Leben mit Jesus zu verbringen, in seiner Familie. Das ist wie auf Wolke Sieben zu schweben.

Ich gebe zu, ich persönlich schwebe nicht immer auf dieser Wolke. Diese Geschichte ist schon krass. Die Heilung, die die Frau erlebt hat, war wundervoll. Aber was sie wirklich erhoben hat, war Jesus selbst, der sie als seine Tochter aufgenommen hat. Ihr Leben hat von jetzt auf gleich einen unfassbaren Wert. Und genau das können wir auch erleben. 

Selbst, wenn wir nicht auf einem hohen Level schweben, wenn es uns schlecht geht, dann begibt sich Jesus auf unsere Ebene. Denn egal wo wir stehen, er begegnet uns auf Augenhöhe

Die Geschichte dieser Frau kann uns Mut machen. Mut daran zu glauben, dass Gott fähig ist, Wunder zu vollbringen. Er hat eine Kraft, die aus all seinen Poren und Fasern der Kleidung strahlt. Und diese Kraft lebt sogar in uns selbst! Denn der Geist, der in Jesus ist, ist in uns. Unglaublich!

Die Geschichte kann uns die Gewissheit geben, dass wir vor Gott keine Angst haben müssen, weil er es gut mit uns meint. Wir sind Teil seiner Familie. Erben des Königreiches Gottes. Und die Frau, die an den Blutungen gelitten hatte, ist unsere Schwester. Und damals wie heute spricht Jesus dir und mir genau das zu, was er dieser Frau gesagt hat: 

Mein Kind. Dein Glaube rettet dich. Du darfst Frieden haben und brauchst keine Angst haben.

Diese Wertschätzung gilt dir und mir. Jeden Tag. Ich lade dich ein, ein Gebet zu sprechen:

Jesus, ich danke dir, dass du mich liebst. Ich danke dir, dass du mir auf Augenhöhe begegnest, egal ob ich grade auf Wolke Sieben schwebe oder am Boden liege. Dir bin ich alles wert. Du hast mich gerettet. Deshalb darf ich Frieden haben.  Du nennst mich „Sohn“ und „Tochter“. Deshalb habe ich das Vorrecht, dein Kind zu sein, für alle Zeit. Amen

Jonas Schultze