„… am Ende segnete er sie.“

In dem Buch von Jürgen Werth MEHR ANFANG WAR SELTEN1 habe ich die anrührende Geschichte gelesen, die der ehemalige Direktor der Liebenzeller Mission, Hanspeter Wolfsberger, seinem Freund Jürgen Werth, früherer Direktor des ERF, erzählt hat. Diese Geschichte lädt uns ein, für Menschen da zu sein, die uns brauchen. In einer unserer Gebetsstunden habe ich sie schon mal erzählt. 

Es war einmal ein weiser Rabbi, zu dem kamen viele Menschen, um ihn um Rat zu fragen. Sie kamen mit all ihren Problemen zu ihm. Für alle hatte er ein Wort, für alle einen weisen Rat. Er sprach zu ihnen, machte ihnen Mut und stärkte sie für ihren Weg. Und am Ende segnete er sie

Mit der Zeit jedoch wurden seine Reden kürzer. Er sprach nur noch wenig, manchmal nur ein einziges Wort. Aber am Ende segnete er sie. 

Eines Tages geschah es allerdings, dass er gar nicht mehr sprechen konnte, denn er war stumm geworden. Dennoch kamen alle Leute weiter zu ihm und suchten seine Nähe. Nun, wo er nicht mehr sprechen konnte, hörte er den Menschen einfach zu, die zu ihm kamen und weinten und klagten, seufzten und stöhnten unter der Last ihres Lebens. Sie vertrauten ihm ihre Sorgen, Probleme und Nöte an. Der weise Rabbi hörte ihnen zu. Und am Ende segnete er sie. 

Eines Tages geschah es, dass seine Ohren taub wurden. Er konnte nichts mehr hören. Aber auch das hinderte die Menschen nicht daran, weiter zu ihm zu kommen. Der weise Rabbi konnte ihnen weder ein Wort mit auf den Weg geben noch ihnen sein Ohr schenken, dennoch kamen die Menschen zu ihm. Was konnte der Rabbi nun noch für sie tun? Was hatte er ihnen zu geben? Er sah sie an mit einem gütigen, liebevollen Blick – und er segnete sie. 

Eines Tages geschah es, dass seine Augen blind wurden. Aber auch da kamen die Menschen weiter zu ihm. Und es kamen sogar immer mehr. Sie kamen und kamen. 

Stumm, taub und blind war er nun. Der weise Rabbi konnte nicht mehr zu den Menschen sprechen, er konnte ihnen nicht mehr zuhören und sie nicht mehr ansehen – aber er segnete sie. 

Eines Tages konnte er auch nicht mehr segnen. Nun hatte er scheinbar gar nichts mehr zu geben. Doch die Menschen kamen und kamen und kamen – und sie legten ihr Ohr an sein Herz.1 

Gott schenke es uns, Menschen zu sein, durch die andere Menschen – auch und gerade in Corona-Zeiten – in irgendeiner Art und Weise Schalom (שָׁלוֹם) erfahren.

Heinz Gimbel 

1 Quellengabe: Jürgen Werth, MEHR ANFANG WAR SELTEN, SCM-Verlag GmbH & Co. KG., 71088 Holzgerlingen, August 2015, Seiten 63-65.