Abstand halten

Abstand halten!

I got nothin‘ to do
I’m hangin‘ around
I’m waitin‘ for you
But nothing ever happens and I wonder…

„Ich habe nichts zu tun, ich hänge nur rum, ich warte auf Dich,
aber nie passiert etwas, und ich frage mich warum.“
(aus: “Lemon Tree” von Fool´s Garden)

Nach den Viren haben sich nun auch die Striche auf dem Boden vermehrt. Früher sah man sie gelegentlich in Banken, heute begegnen sie uns überall: beim Arzt oder Apotheker, bei Aldi und Rewe. Sie mahnen uns Abstand zu halten und einander bloß nicht zu nahe zu kommen. Schon haben wir uns daran gewöhnt, auch im Gespräch mit den Nachbarn auf Distanz zu bleiben, und nur noch selten zuckt unser Arm und will wie früher die Hand reichen. 

Die Erfahrung von Distanz und schmerzlichem Abstand bleibt nicht mehr länger den Singles und Alleinstehenden vorbehalten. Sie ist zum Allgemeingut geworden. Jeder erlebt jetzt, wie es sich anfühlt nicht so dicht bei den anderen zu sein, wie man es gerne wäre. Die Not macht erfinderisch: Großeltern werden kurzerhand mit Handys versorgt und im Skypen geschult. Doch echte Begegnung ersetzt das nicht. 

Anders ist es nur dort, wo man noch als Familie in einem Haushalt lebt. Diese Glücklichen – vorausgesetzt sie kommen mit soviel Nähe klar – sitzen ohne schlechtes Gewissen am Essenstisch und gehören zu den wenigen zulässigen Menschenansammlungen in diesen Tagen. Und hier und da hört man von guten Gesprächen, zu denen es ohne Corona gar nicht gekommen wäre.

Nein, ich meine nicht, die Seuche sei am Ende ein Segen.

Zu schlimm sind die persönlichen, sozialen und wirtschaftlichen Effekte. Aber nachdenken darf man schon, lernen auch. Und vielleicht behalten wir ja in Erinnerung, wie es war, nicht mit den anderen verbunden zu sein. Und vielleicht haben wir dann einen wacheren Blick für die, die auch nach Corona ohne Anschluss sind.

Hans-Hermann Pompe stellt einen kreativen Vergleich zu der biblischen Heilungsgeschichte am Teich Betesda her und spricht in diesem Zusammenhang von einem „sozialen Endlager“. Der Teich, ein riesiges Wasserreservoir nordöstlich des Tempelplatzes, scheint auf den ersten Blick ein geselliger Ort zu sein. „Viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte“ versammeln sich dort. Menschen mit einem Handicap, mit einer körperlichen oder seelischen Mangelerscheinung kommen hier zusammen. Sie eint die Hoffnung auf Heilung, die man dem Wasser von Betesda nachsagt.

Doch obwohl alle im gleichen Boot sitzen, ist Betesda eins nicht: Es ist keine Oase der Solidarität. Jesus begegnet dort einem Gelähmten, der schon 38 Jahre auf Heilung hofft. Als er sich nach ihm erkundigt, sagt der Mann: „Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt“ (Johannes 5,7)! Die gemeinsame (Mangel-) Erfahrung weckt also nicht automatisch Sympathie. Im Gegenteil, sie kann auch den Wettbewerb befeuern. Davon können die Kassiererinnen in den Supermärkten ein Klagelied singen.

Die gleiche Erfahrung macht es noch nicht.

Etwas muss uns inspirieren von uns weg- und auf den anderen hinzuschauen. Etwas oder jemand. Die Jesus-Geschichten sind hier äußerst inspirierend. So viele Menschen, die durch die Zuwendung und Aufmerksamkeit Jesu aufblühen. Jesus ermutigt uns auszuprobieren, was liebevolle Zuwendung auslösen kann. Manchmal braucht es nur etwas Aufmerksamkeit, den feinen Blick für ein Bedürfnis, eine Geste oder wenige Worte, und der Abstand wird überwunden.

Marcus Schäfer